Vor der Ostseeküste Usedoms zeichnet sich ein weitreichendes Industrieprojekt ab. Der kanadische Energiekonzern Central European Petroleum (CEP) will ein großes Erdölvorkommen in polnischen Gewässern erschließen. Vorgesehen ist eine künstliche Förderinsel in der Pommerschen Bucht, nur wenige Kilometer von den deutschen und polnischen Ostseestränden entfernt. Umweltverbände und die Gemeinde Ostseebad Heringsdorf warnen vor möglichen Folgen für die Meeresnatur. Besonders im Blick stehen geschützte Lebensräume, Schweinswale und zahlreiche Wasservogelarten.
Mittlerweile beschäftigt das Vorhaben auch die deutschen Behörden. Eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung wurde eingeleitet. Während Polen in den Ölvorkommen eine Möglichkeit zur Verringerung seiner Importabhängigkeit sieht, wächst auf deutscher und polnischer Seite der Widerstand gegen das Projekt.
Ein großes Erdölvorkommen vor Swinemünde
Ausgangspunkt der aktuellen Entwicklung ist die Erkundungsbohrung „Wolin East 1“. Sie wurde Anfang 2025 abgeschlossen. Im Juli 2025 gab CEP einen bedeutenden Erdölfund bekannt. Das Vorkommen befindet sich etwa sechs Kilometer vor der polnischen Hafenstadt Świnoujście (Swinemünde) unter dem Meeresboden.
Nach den veröffentlichten Schätzungen werden dem Feld Wolin East rund 22 Millionen Tonnen förderbares Erdöl zugerechnet. Außerdem wurden Erdgasvorkommen festgestellt. Für das gesamte Konzessionsgebiet nennt das Unternehmen noch größere mögliche Rohstoffressourcen. Dabei handelt es sich um geologische und wirtschaftliche Schätzungen, nicht um bereits geförderte Mengen.
Für Polen könnte das Vorkommen energiepolitische Bedeutung erlangen. Nach einer vom NDR wiedergegebenen Einschätzung des polnischen Chefgeologen könnte es über mehrere Jahre etwa vier bis fünf Prozent des jährlichen polnischen Ölbedarfs decken. Ob und in welchem Umfang diese Ressourcen tatsächlich erschlossen werden, hängt jedoch von den weiteren Untersuchungen, Genehmigungen und wirtschaftlichen Entscheidungen ab.
Eine künstliche Insel statt einer gewöhnlichen Bohrplattform
Die Planungen gehen über eine zeitlich begrenzte Bohrung hinaus. Für die dauerhafte Erdölförderung ist eine künstliche Insel mit Bohranlagen, technischen Einrichtungen, Wellenbrechern und Hafeninfrastruktur vorgesehen. Auch eine vertiefte Zufahrt für Öltanker gehört zum Konzept.
Nach Angaben der dänischen Umweltbehörde, die ebenfalls über die möglichen grenzüberschreitenden Auswirkungen informiert wurde, soll die künstliche Insel eine Fläche von rund zehn Hektar einnehmen. Andere Projektberichte beziffern die Gesamtanlage mit etwa 18 Hektar. Die unterschiedlichen Angaben sollten nicht miteinander gleichgesetzt werden, da offenbar verschiedene Flächenabgrenzungen zugrunde liegen.
Die dänische Behörde nennt für das Vorhaben eine geplante Förderkapazität von rund 4.100 Tonnen Rohöl täglich. In der deutschen Berichterstattung wird daneben eine mögliche höhere Anlagenkapazität von bis zu 8.100 Tonnen pro Tag genannt. Diese Werte beschreiben Planungen beziehungsweise technische Möglichkeiten und keine bereits laufende Förderung.
Durch die Anlage würden nicht nur dauerhaft industrielle Bauwerke im Meer entstehen. Hinzu kämen Schiffsbewegungen, Materialtransporte sowie Eingriffe in den Meeresboden. Deshalb sind neben dem eigentlichen Förderbetrieb auch Bauphase, Transportwege, Unterwasserlärm und mögliche Störfälle Gegenstand der Umweltprüfung.
Die Pommersche Bucht ist ein bedeutender Lebensraum für Wasservögel
Die Pommersche Bucht gehört zu den ökologisch wertvollen Meeresgebieten der südlichen Ostsee. Sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite liegen europäische Natura-2000-Schutzgebiete. Von besonderer Bedeutung sind die flachen Meeresbereiche und Sandbänke, darunter die Oderbank.
Das Bundesamt für Naturschutz zählt die Pommersche Bucht zu den fünf wichtigsten Überwinterungsgebieten für Seevögel in der Ostsee. Insbesondere Eisenten, Trauerenten und Samtenten nutzen die Gewässer als Nahrungs-, Rast- und teilweise auch als Mausergebiet. Hinzu kommen weitere Arten wie Meeres- und Lappentaucher sowie verschiedene Säger.
Die Vögel sind auf störungsarme Wasserflächen und ein ausreichendes Nahrungsangebot angewiesen. Viele tauchende Arten ernähren sich von Muscheln, Krebstieren und anderen Organismen am Meeresboden. Veränderungen dieser Lebensräume können sich deshalb auch auf die Nahrungsgrundlage der Tiere auswirken.
Die Schutzgebiete haben damit eine Bedeutung, die weit über die unmittelbare Küstenregion hinausreicht. Sie sind Bestandteil der Lebensräume zahlreicher wandernder Vogelarten, die unterschiedliche Gebiete Europas im Jahresverlauf miteinander verbinden.
Welche Gefahren bestehen für die Tierwelt?
Im Mittelpunkt der Kritik stehen mehrere mögliche Belastungen. Bereits während Bau und Betrieb können Unterwassergeräusche, Schiffsverkehr und Veränderungen des Meeresbodens die dort lebenden Tiere beeinflussen. Besonders empfindlich gegenüber Unterwasserlärm sind Meeressäugetiere wie der Schweinswal, der in der Ostsee zu den gefährdeten Arten zählt.
Ein weiteres Risiko ist der mögliche Austritt von Erdöl. Dass Ölverschmutzungen für Seevögel gravierende Folgen haben können, ist wissenschaftlich gut belegt. Nach Angaben des Umweltbundesamtes kann Öl das Gefieder verkleben und dessen wasserabweisende sowie wärmeisolierende Eigenschaften beeinträchtigen. Betroffene Vögel können auskühlen, ihre Schwimmfähigkeit verlieren oder bei der Gefiederpflege Schadstoffe aufnehmen.
Auch Fische und wirbellose Meerestiere können durch Ölverschmutzungen geschädigt werden. Welche Flächen bei einem möglichen Unfall tatsächlich betroffen wären, hängt unter anderem von der austretenden Ölmenge, den Wetterbedingungen, den Meeresströmungen und den eingeleiteten Gegenmaßnahmen ab.
Umweltorganisationen verlangen deshalb, dass mögliche Unfallszenarien, Maßnahmen zur Schadensbegrenzung sowie langfristige Auswirkungen auf geschützte Arten umfassend untersucht werden. Ein Ölunfall ist damit ausdrücklich als mögliches Risiko zu betrachten, nicht als bereits eingetretenes Ereignis oder zwangsläufige Folge des Projekts.
Warum das Thema auch für Jäger von Bedeutung ist
Der Schutz der Wasservogelbestände berührt auch jagdliche und wildbiologische Fragen. Wildenten und Säger gehören nach § 2 Bundesjagdgesetz grundsätzlich zu den dem Jagdrecht unterliegenden Tiergruppen. Dazu zählen auch Arten, die in der Pommerschen Bucht bedeutende Rast- und Überwinterungsbestände bilden.
Die Zugehörigkeit zum Jagdrecht bedeutet allerdings nicht, dass diese Arten überall bejagt werden dürfen. Maßgeblich sind die geltenden Jagd- und Schonzeiten sowie weitere naturschutz- und gebietsrechtliche Einschränkungen. Für besonders empfindliche Wasservogelbestände bestehen umfangreiche Schutzregelungen.
Aus jagdlicher Sicht ist insbesondere der Zusammenhang zwischen Wildbestand und Lebensraum entscheidend. Die in § 1 Bundesjagdgesetz verankerte Hege umfasst ausdrücklich auch die Pflege und Sicherung der Lebensgrundlagen des Wildes. Damit gehört die Erhaltung geeigneter Lebensräume zu den grundlegenden Zielen des Jagdrechts.
Das Beispiel der Pommerschen Bucht verdeutlicht, dass der Schutz von Wasserwild nicht ausschließlich von der Bejagung oder der Bestandsentwicklung einzelner Arten abhängt. Ebenso wesentlich sind geeignete Nahrungsflächen, störungsarme Rastgebiete und eine intakte Gewässerumwelt.
Konkrete Auswirkungen der geplanten Ölförderung auf die Jagdausübung oder einzelne jagdrechtlich relevante Wildbestände sind bislang nicht nachgewiesen. Die Bedeutung der Region als Lebensraum für zahlreiche Wasservögel ist dagegen durch die Untersuchungen des Bundesamtes für Naturschutz dokumentiert. Damit besteht ein fachlich nachvollziehbarer Bezug zwischen dem Vorhaben, dem Naturschutz und der jagdlichen Verantwortung für Wildlebensräume.
Umweltverbände und Gemeinde Heringsdorf stellen sich gegen das Projekt
Bereits im Juli 2026 gründeten die Deutsche Umwelthilfe (DUH), der BUND Mecklenburg-Vorpommern, der WWF Deutschland und die Bürgerinitiative Lebensraum Vorpommern ein gemeinsames Aktionsbündnis gegen die geplante Öl- und Gasförderung.
Am 12. Oktober 2026 bekräftigte das Bündnis seine Ablehnung. Gemeinsam mit der polnischen Umweltorganisation EKO-UNIA und der Gemeinde Ostseebad Heringsdorf fordert es die Aufgabe des Fördervorhabens. Die beteiligten Organisationen befürchten langfristige Schäden für die Meeresnatur und sehen auch wirtschaftliche Risiken für den Tourismus an der Ostseeküste.
Zusätzliche Bedenken betreffen die räumliche Nähe zu weiteren Infrastrukturprojekten vor Swinemünde. Dazu gehört der geplante Ausbau der Hafenanlagen. Die Umweltverbände fordern, solche Vorhaben nicht ausschließlich einzeln zu betrachten, sondern auch mögliche gemeinsame Belastungen des Meeresökosystems zu untersuchen.
Anfang Oktober meldete die DUH außerdem die Ankunft einer weiteren mobilen Bohrplattform im Bereich Wolin West. Dabei handelt es sich nach ihren Angaben um zusätzliche Erkundungsaktivitäten. Diese sind von der geplanten dauerhaften Förderanlage für Wolin East zu unterscheiden.
Wie geht es mit Wolin East weiter?
Die polnische Regionaldirektion für Umweltschutz in Stettin hat im Juni 2026 ein Verfahren zur grenzüberschreitenden Umweltprüfung eingeleitet. Dabei sollen mögliche Auswirkungen auf Natur, Umwelt und Menschen untersucht und die betroffenen Nachbarstaaten beteiligt werden.
Auch Mecklenburg-Vorpommern und die Gemeinde Heringsdorf befassen sich mit dem Verfahren. Die Umweltverbände haben Stellungnahmen zum Untersuchungsrahmen abgegeben. Unter anderem geht es um die Frage, welche Schutzgebiete und Arten berücksichtigt werden müssen und wie mögliche Risiken eines Unfalls bewertet werden sollen.
Eine Genehmigung für die geplante kommerzielle Ölförderung liegt nach dem veröffentlichten Verfahrensstand noch nicht vor. Mit dem Bau der dauerhaften Förderanlage könnte nach den bisher berichteten Planungen frühestens 2028 begonnen werden, sofern die erforderlichen Genehmigungen erteilt werden. Ein tatsächlicher Förderbeginn ist damit weiterhin offen.
Zwischen Rohstoffgewinnung und dem Schutz der Ostsee
Wolin East steht beispielhaft für einen Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Schutz empfindlicher Naturräume. Einerseits verspricht der Erdölfund eine zusätzliche heimische Rohstoffquelle für Polen. Andererseits würden für eine mögliche Förderung über Jahrzehnte industrielle Anlagen in einer ökologisch bedeutsamen Meeresregion betrieben.
Ob das Projekt genehmigungsfähig ist und welche Umweltfolgen tatsächlich zu erwarten wären, müssen die laufenden Prüfungen zeigen. Für den Schutz der Pommerschen Bucht kommt es darauf an, dass die Folgen für Lebensräume, Wasservögel, Meeressäugetiere und das Küstenökosystem vollständig und nachvollziehbar bewertet werden.
Gerade aus wildbiologischer und jagdlicher Perspektive macht die Diskussion deutlich: Der Erhalt von Wildtierbeständen beginnt beim Schutz ihrer Lebensräume, auch dort, wo die Tiere weite Strecken zurücklegen und nationale Grenzen keine Rolle spielen.
Quellen und weiterführende Informationen
Ausgangsquellen:
- WWF Deutschland: Geplante Öl- und Gasbohrungen vor Usedom, 30.07.2026
- NDR: Ölförderung vor Usedom – Polen startet Umweltprüfung, 28.09.2026
- YouTube: Ergänzend bereitgestellter Videobeitrag (Inhalt nicht unabhängig verifiziert)
- BUND Mecklenburg-Vorpommern: Neues Aktionsbündnis gegen fossiles Projekt in der Ostsee, 30.07.2026
- BILD: Polen plant 18 Hektar große Bohrinsel vor Usedom, 08.10.2026
Ergänzende und unabhängige Fachquellen:
- Deutsche Umwelthilfe: Aktuelle Stellungnahme zur geplanten Ölförderung, 12.10.2026
- Deutsche Umwelthilfe: Weitere Erkundungsplattform vor Usedom, 02.10.2026
- Central European Petroleum: Unternehmensmeldung zum Erdölfund Wolin East, 21.07.2025
- Dänische Umweltbehörde: Grenzüberschreitendes Umweltverfahren Wolin East, 03.08.2026
- ARD/tagesschau: Ölförderung vor Usedom und Stand der Umweltprüfung, 28.09.2026
- Bundesamt für Naturschutz: Pommersche Bucht – Bedeutung für Seevögel
- Bundesamt für Naturschutz: Seevögel der deutschen Meeresgebiete
- Umweltbundesamt: Folgen von Ölverschmutzungen für Meeresökosysteme
- Bundesjagdgesetz: §§ 1 und 2 – Hege und dem Jagdrecht unterliegende Tierarten
