Die Wildtiere kehren zurück. Wie die Elbauen wieder zum Lebensraum werden

Wo ein Fluss wieder mehr Raum bekommt, verändert sich nicht nur die Landschaft. Auch Tiere finden zurück. An der Mittleren Elbe bei Dessau zeigt sich inzwischen besonders deutlich, wie eng Auenrenaturierung, zusammenhängende Lebensräume und die Rückkehr ehemals seltener oder verschwundener Arten miteinander verbunden sind. Elbebiber und Fischotter nutzen die Gewässer, See- und Fischadler brüten in der Region, Wildkatzen werden nachgewiesen und selbst Arten, die aus dem Elbsystem verschwunden waren, sollen wieder dauerhaft heimisch werden.

Der aktuelle Bericht des WWF über die Elbauen macht deutlich, welche Artenvielfalt sich dort heute wieder entwickelt hat. Mehr als 50 Säugetierarten leben in der Auenlandschaft an der Mittleren Elbe, fast 180 Vogelarten brüten dort. Dazu kommen mehr als 700 Schmetterlings-, rund 200 Bienen- und etwa 50 Libellenarten.

600 Hektar Aue wieder mit der Elbe verbunden

Eine der entscheidenden Veränderungen fand im Lödderitzer Forst zwischen Dessau und Aken statt. Dort lag der alte Deich über viele Jahrzehnte vergleichsweise dicht am Fluss. Waldflächen, Wiesen, Flutrinnen und kleinere Gewässer waren dadurch weitgehend von der natürlichen Hochwasserdynamik der Elbe abgeschnitten.

Zwischen 2007 und 2019 wurde die Schutzlinie auf einer Länge von rund 7,3 Kilometern weiter ins Hinterland verlegt. Der alte Deich wurde anschließend an mehreren Stellen geöffnet. Dadurch kann die Elbe heute wieder rund 600 Hektar zusätzliche Auenfläche erreichen. Nach mehr als 180 Jahren gelangt Hochwasser wieder in Bereiche, aus denen es zuvor ausgesperrt war.

Das Bundesamt für Naturschutz bewertet das heutige Projektgebiet zwischen Dessau und Aken überwiegend mit der Auenzustandsklasse II, also als gering verändert. Bis 2033 sollen im Rahmen des Bundesprogramms „Blaues Band Deutschland“ insgesamt rund 2.300 Hektar Auenlandschaft weiterentwickelt und langfristig gesichert werden.

Rückkehr ist nicht automatisch Wiederansiedlung

Wenn heute von der Rückkehr von Wildtieren gesprochen wird, lohnt sich eine genaue Unterscheidung. Manche Arten wurden tatsächlich gezielt wiederangesiedelt. Andere haben ehemalige Lebensräume aus eigener Kraft zurückerobert. Wieder andere waren nie vollständig verschwunden, sondern überlebten in kleinen Restbeständen.

Gerade an der Elbe treffen alle drei Entwicklungen aufeinander. Das macht die Region auch aus Sicht des Wildtier- und Artenschutzes besonders interessant.

Der Elbebiber. Überlebt, als er andernorts längst verschwunden war

Der Elbebiber ist das vielleicht beste Beispiel dafür, warum der Begriff „Wiederansiedlung“ nicht pauschal verwendet werden sollte. Die heimische Unterart des Europäischen Bibers war zu Beginn des 20. Jahrhunderts beinahe ausgestorben. Im Bereich der Mittleren Elbe in Sachsen-Anhalt überlebte jedoch ein kleiner Restbestand.

Die Dessau-Wörlitzer Elbauen gehörten zu den letzten Rückzugsräumen dieser autochthonen Population. Von der Elbe aus wurden später angrenzende Flusssysteme wieder besiedelt. Neben natürlicher Ausbreitung spielten andernorts auch Umsiedlungen eine Rolle.

Damit ist die Mittlere Elbe nicht einfach ein Gebiet, in das Biber zurückgebracht wurden. Sie war vielmehr eines der entscheidenden Refugien, von denen die erneute Ausbreitung des Elbebibers überhaupt ausgehen konnte.

Heute besiedeln Biber die Dessau-Wörlitzer Elbaue zusammen mit dem Fischotter großflächig. Für beide Arten sind miteinander verbundene Gewässer, Altarme, Uferbereiche und störungsarme Rückzugsräume entscheidend.

Der Biber verändert seinen Lebensraum selbst

Dabei ist der Biber nicht nur Bewohner einer intakten Aue. Er gestaltet seinen Lebensraum selbst. Durch Fraß, Dammbau und das Aufstauen kleinerer Gewässer entstehen neue Wasserflächen, vernässte Bereiche und Totholzstrukturen. Davon können wiederum zahlreiche andere Tierarten profitieren.

Der aktuelle WWF-Bericht zeigt allerdings auch, wie abhängig selbst der Biber vom Wasserhaushalt der Landschaft ist. Wildkamera-Aufnahmen dokumentierten, dass Tiere ein Revier verließen, wenn der Wasserstand zu stark absank. Der WWF arbeitet deshalb unter anderem daran, Wasser länger in geeigneten Bereichen der Aue zu halten.

Fischotter wieder flächendeckend in der Elbaue

Auch der Fischotter gehört zu den Arten, die von zusammenhängenden Gewässerlandschaften profitieren. Die amtliche Beschreibung des Natura-2000-Gebietes Dessau-Wörlitzer Elbauen weist sowohl Biber als auch Fischotter heute als flächendeckend vorkommende Arten der Elbaue aus.

Für den Fischotter ist dabei nicht nur die Qualität eines einzelnen Gewässers entscheidend. Flüsse, Nebengewässer, Gräben und Uferstrukturen bilden Wanderachsen, über die Tiere neue Reviere erreichen und Populationen miteinander in Verbindung bleiben können.

Seeadler und Fischadler wieder über den Elbauen

Auch am Himmel zeigt sich die Entwicklung. Seeadler und Fischadler gehören heute wieder zu den Brutvögeln der Elbaue. Beide profitieren von großen Gewässern, störungsarmen Bereichen und geeigneten Horstbäumen.

Beim Fischadler lässt sich die Wiederbesiedlung Sachsen-Anhalts besonders gut nachvollziehen. Die kontinuierliche Besiedlung des Landes begann nach Angaben der Naturschutzverwaltung 1989 mit einem ersten Brutpaar im Westfläming. Anschließend nahm der Bestand deutlich zu, insbesondere in den Auen von Elbe und Mulde.

Der Fischadler ist damit ein Beispiel für eine natürliche Rückkehr, die durch geeignete Lebensräume und Brutplätze ermöglicht wird. Er wurde an der Mittleren Elbe nicht als neue Population ausgewildert.

Wiesenweihe. Erstmals seit rund 150 Jahren wieder Brutnachwuchs

Ein besonders bemerkenswerter Nachweis gelang 2026. Nach Angaben des WWF brütete erstmals seit etwa 150 Jahren wieder ein Paar der bedrohten Wiesenweihe in der Region.

Der Horst befand sich auf einer landwirtschaftlich genutzten Fläche. Gemeinsam mit dem Landwirt wurde der betreffende Bereich von der Ernte ausgenommen und mit einem Zaun geschützt. Drei Jungvögel schlüpften und verließen im August erfolgreich das Nest.

Auch hier handelt es sich nicht um eine Auswilderung. Die Vögel haben den Lebensraum selbst wieder angenommen. Gerade solche Nachweise zeigen, dass die Rückkehr einer Art nicht zwangsläufig mit dem Freilassen von Tieren beginnen muss.

Auch die Wildkatze nutzt die Auenlandschaft

Zu den bemerkenswerten Säugetieren der Mittleren Elbe gehört inzwischen auch die Europäische Wildkatze. Der WWF führt sie ausdrücklich unter den seltenen Arten auf, die in den Auen Nahrung und Rückzugsräume finden. Wildkamera-Aufnahmen aus dem Projektgebiet bestätigen ihr Vorkommen.

Für eine Tierart, die auf Deckung, strukturreiche Wälder und möglichst gut miteinander verbundene Lebensräume angewiesen ist, können große Auenwälder wichtige Wander- und Rückzugsräume bilden.

Reh und Schwarzwild sind ebenfalls Teil der Aue

Neben seltenen und streng geschützten Arten leben in der Aue selbstverständlich auch die bekannten Schalenwildarten. Aufnahmen aus den Wildkameras zeigen unter anderem Rehe und Schwarzwild.

Das macht deutlich, dass renaturierte Auen keine isolierten Artenschutzflächen für einige wenige Spezialisten sind. Auenwald, Grünland, Gewässer, Röhrichte und trockene Bereiche bilden ein eng verzahntes Lebensraummosaik, das von sehr unterschiedlichen Tierarten genutzt wird.

Der Lachs wurde wieder angesiedelt

Während Biber, Fischotter oder Fischadler überwiegend von erhaltenen Populationen oder natürlicher Wiederbesiedlung profitieren, ist die Geschichte des Atlantischen Lachses eine andere. Hier handelt es sich tatsächlich um eine gezielte Wiederansiedlung.

Der ursprüngliche Elblachs war im 20. Jahrhundert verschwunden. Gewässerverschmutzung, der Ausbau der Flüsse sowie Wehre und andere Wanderhindernisse hatten seine Bestände massiv beeinträchtigt.

1995 begann in Sachsen ein Wiederansiedlungsprogramm. Junge Lachse wurden in geeignete Zuflüsse des Elbsystems eingesetzt. Bereits wenige Jahre später kehrten erste erwachsene Tiere aus dem Meer zu ihren Laichgewässern zurück. Seit 2019 werden die Maßnahmen der deutschen Elbanliegerländer und der Tschechischen Republik im Programm „Salmo albis“ koordiniert.

Auch die Mittlere Elbe ist Teil dieser Wanderroute. Die Naturschutzverwaltung Sachsen-Anhalts weist darauf hin, dass im Rahmen der Wiederansiedlungsprogramme ausgesetzte Junglachse diesen Elbeabschnitt passieren und Rückkehrer nachgewiesen wurden.

Von einer dauerhaft selbsttragenden Lachspopulation im gesamten Elbsystem kann allerdings noch nicht gesprochen werden. Weitere Besatzmaßnahmen und vor allem durchgängige Wanderwege zu geeigneten Laichgewässern bleiben erforderlich.

Auch der Europäische Stör soll in die Elbe zurückkehren

Noch weiter reicht das Wiederansiedlungsprojekt für den Europäischen Stör. Die Art war aus dem deutschen Elbsystem verschwunden. Seit 2008 werden im Elbe-Einzugsgebiet wieder junge Europäische Störe aus Nachzuchten ausgewildert.

Das Bundesamt für Naturschutz bestätigt, dass in der Mittelelbe geeignete Kiesbänke vorhanden sind, die grundsätzlich als spätere Laichhabitate dienen könnten. Entscheidend wird sein, dass zurückkehrende erwachsene Tiere diese Bereiche auch erreichen können.

Die Renaturierung von Ufern, die Wiederherstellung unterschiedlicher Strömungs- und Gewässerstrukturen sowie die Durchgängigkeit der Flüsse haben deshalb für den Stör ebenso Bedeutung wie für viele andere Wanderfischarten.

Wildkameras zeigen, wer zurückkehrt

Ob eine Renaturierung tatsächlich von Wildtieren angenommen wird, lässt sich nicht allein an der Landschaft ablesen. Deshalb werden die Flächen an der Mittleren Elbe intensiv beobachtet.

Seit Anfang 2026 setzt der WWF zusätzlich ein gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie entwickeltes KI-System zur Auswertung von Wildkamera-Aufnahmen ein. Die Software erkennt Tierbewegungen in großen Videomengen und kann Aufnahmen einzelnen Arten und Standorten zuordnen.

Damit lässt sich beispielsweise nachvollziehen, welche Bereiche von Wildtieren genutzt werden, welche Wanderbewegungen stattfinden und wie Tiere auf Veränderungen des Wasserstandes reagieren.

Lebensraum schaffen ist wichtiger als Tiere einfach auszusetzen

Die Entwicklung an der Mittleren Elbe zeigt vor allem eines: Eine erfolgreiche Rückkehr von Wildtieren lässt sich nicht allein durch das Aussetzen einzelner Tiere erreichen. Entscheidend sind geeignete Lebensräume, ausreichend Wasser, störungsarme Rückzugsbereiche und Verbindungen zwischen verschiedenen Populationen.

Der Elbebiber konnte sich aus einem verbliebenen Rückzugsraum wieder ausbreiten. Fisch- und Seeadler fanden geeignete Brutgebiete wieder. Die Wiesenweihe kehrte ohne Auswilderung zurück. Beim Lachs und beim Stör helfen dagegen gezielte Wiederansiedlungsprogramme, Arten zurückzubringen, die aus dem Flusssystem weitgehend oder vollständig verschwunden waren.

Genau darin liegt eine der Besonderheiten der Mittleren Elbe: Sie ist gleichzeitig Rückzugsraum, Wanderkorridor und wiederhergestellter Lebensraum.

Die Arbeit an den Elbauen geht weiter

Trotz der sichtbaren Erfolge ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Trockenperioden, sinkende Wasserstände, fehlende Überflutungsdynamik in einzelnen Bereichen und unterbrochene Lebensraumverbindungen bleiben Herausforderungen.

Bis 2033 sollen im Projekt „Auenrenaturierung an der Mittleren Elbe“ rund 2.300 Hektar Auenlandschaft weiterentwickelt werden. Ziel sind zusammenhängende und regelmäßig überflutbare Lebensräume zwischen Dessau und Aken.

Welche Tierarten davon langfristig profitieren, wird sich erst über Jahre und Jahrzehnte zeigen. Schon heute dokumentieren Elbebiber, Fischotter, Adler, Wildkatze und die Rückkehr weiterer Arten jedoch, welches Potenzial eine wieder stärker mit dem Fluss verbundene Auenlandschaft besitzt.

Quellen